Jahreskonzert des Musikvereins

Die Hobbits tanzen Tango am Feuer

Seit 90 Jahren gibt es den Musikverein Renningen. Und er ist jung wie nie: Beim traditionellen Jahreskonzert zeigten sich alle drei Orchester-Formationen in Bestform – von den Beginners (ab zehn Jahre) bis hin zum großen Orchester. Ein Gänsehautmoment jagte den nächsten, was am Ende sogar Bürgermeister Wolfgang Faißt zum „Ortsvorsteher“ machte. Ein Artikel von Matthias Haug. 

Für viele der jungen Musiker, die um kurz nach 19 Uhr auf der Bühne in der vollbesetzten Rankbachhalle Platz nahmen, war es der erste Auftritt vor solch einer Kulisse. Mit der Midtempo-Nummer „Slow Motion“ von Jakob de Haan ging es los. Und obwohl das Jahreskonzert bewusst nicht zur Weihnachtsschmonzette werden soll, lud „Das junge Weihnachtskonzert“ zu besinnlichen Momenten ein. Der „Farmhouse Rock“ war das Finale der Kleinen. „Wir werden die Beginners heute noch einmal zu hören bekommen“, reagierte Moderator Kai Rentelmann auf vereinzelte – durchaus berechtigte – „Zugabe“-Rufe.

„Gute Reise“, die Auftaktpolka der Jugendkapelle, sollte keineswegs zum vorzeitigen Heimgang animieren, zumal es danach mit „Bei uns Daheim“ weiterging. Ersteres ein Werk des in der Region lebenden Franz Watz, zweiteres Stück nahm Bezug auf die Bodensee-Region, in der Komponist Kurt Gäble daheim ist. Dirigent Bernd Mezger zeigte einmal mehr ein feines Händchen für das Programm, denn das folgende Stück „Storia Montana“ umfasst alles, was Blasmusik ausmachen kann. Eine erhabene Wanderung durch die österreichischen Berge, leicht anzuhören und dennoch mit der Tiefe, die nur ein Blasorchester erreicht. „The Loco Motion“, ein 1970er-Jahre-Hit aus der Feder von Gerry Goffin und Carole King, wurde in den 1980ern nochmals von Pop-Kehlchen Kylie Minogue aufgelegt und erlangte abermals Weltruhm. Die Jugendkapelle sorgte mit dem Song für beste Stimmung im Saal, wenngleich es mit „Sadness and Sorrow“ danach wieder schwermütiger wurde. Das machte dieses Konzert übrigens an diesem Abend aus – ohne dem Auftritt des großen Orchesters vorzugreifen: Die Gefühle, die mit den Stücken zum Ausdruck gebracht wurden, von Schmerz, Freude, Trauer, Hoffnung, Bitterkeit und Liebe, machten den Abend so einzigartig. Bernd Mezger und sein Orchester nahmen das Publikum im Anschluss nach Nordamerika mit. „Indian Fire“ des Schweizers Mario Bürki setzte das Leben in einem Indianer-Resservoir musikalisch um. Eine emotionale Reise durch das vergleichsweise zivilisierte Leben vor großen weißen Machthabern wie Donald Trump… Würdiger Abschluss, Teil eins: Aretha Franklin wurde im Medley „The Queen of Soul“ gehuldigt. Und enthielt mit „Respect“, „Naturally Woman“ und „Think“ ihre drei größten Hits. Donnernder Applaus führte zum würdigen Abschluss, Teil zwei: „Twist And Shout“ von den Beatles. Witigerweise gar nicht von den Fab Four selbst geschrieben, wurde es 1963 zum großen Hit – als die eigenwilligen, einzigartigen und zeitlosen Kompositionen der End-Sechziger – vornehmlich von Lennon/McCartney – noch weit entfernt waren. Die Jugendkapelle hatte einmal mehr ein Konzert der Extraklasse hingelegt. Der Musikverein kann stolz sein, eine solche „Lebensversicherung“ im Hintergrund zu haben. „Damit wir auch in zehn, zwanzig, dreißig Jahren solche Konzerte feiern können“, ergänzte Moderator Kai Rentelmann.

Nach dem Abflachen der Gänsehaut, der Sicherstellung der Getränkeversorgung und vor allem dem Loskauf für die Tombola ging es nach einigen Minuten Pause weiter. Der musikalische Leiter des großen Orchesters, Harald Ruf, genießt den selbigen, immer wieder ein einzigartiges Programm zusammenzustellen. Ohne zu viel zu verraten: Es ist wieder gelungen! Obwohl wie eingangs erwähnt maximal die Christbäume an der Bühne, die Deko und die festliche Stimmung an Weihnachten erinnerten, war das erste Stück „Stop The Cavalry“ von Jona Lewie so etwas wie ein Weihnachtslied. Denn der Anti-Kriegssong wurde nach Veröffentlichung 1980 immer mehr zum Weihnachtshit – und ist es bis heute. Johan de Meij hatte die „Herr der Ringe Symphonie Nr. 1“ komponiert. Drei Sätze daraus führte das große Blasorchester des Musikvereins auf. „Gandalf“, „Journey In The Dark“ und „Hobbits“. Ein Wechselbad der Gefühle, eine musikalische Fantasy-Reise, eine Wohltat für die Seele, eine emotionale Reise durch die Welt der Hobbits und der vielen Gefahren, ehe der Ring vernichtet werden kann. Eine fantastische Geschichte braucht eben mindestens eine genauso fantastische Musik. Das nahm die Besucher des Konzertes an diesem Abend mindestens ebenso gefangen wie die Kino-Vorführungen der Trilogie 2001 bis 2003. Ja, so lange ist das schon her… „Ehrenwert“ ging es weiter, vor allem für diverse Protagonisten aus den Reihen des Musikvereins. Katrin Schmidt (Klarinette) wurde für 30 Jahre, Sonja Krawietz (Querflöte) für 40 Jahre und MVR-Chef Michael Kriegler sogar für sage und schreibe 50 Jahre aktives Musizieren in einem Orchester des Blasmusikverbands geehrt. Der Bezirksvorsitzende Gerhard Weissenböck nahm die Ehrungen höchstpersönlich vor. Zudem wurde Beate Kalb für 25 Jahre Funktionärstätigkeit im Verein geehrt. Zahlen, die belegen, wie sehr Musik das biologische Alter positiv beeinflusst. „Ehrenwert“ ist aber auch eine Polka von Martin Scharnagl, dem kreativen Kopf der Blasmusik-Formation „VIERA BLECH“. Der Schlagzeuger, Komponist und Produzent war mit seinen Mannen erst Anfang Oktober in derselben Halle zugegen, um die Jubiläumsfeierlichkeiten musikalisch einzuläuten. Die sehr harmonische Herangehensweise beim Komponieren machen die Stücke der Österreicher zu einem besonderen Erlebnis. So auch an diesem Abend, dargeboten vom Musikverein.

Klassische Musik vereint viele Elemente, die im Laufe der Jahrhunderte in anderen Genres und Stilrichtungen zu finden waren und sind. Gustav Mahler war ein Komponist, der seine Arrangements immer groß anlegte, große Orchester und Chöre auftreten und seine Musik darbieten ließ. Das „Adagio“, in diesem Fall der 6. Satz der 3. Sinfonie, gehört zu den Höhepunkten seines Schaffens – und war sicher auch einer an diesem Abend. Mit „Libertango“ ging es nach Südamerika zu den Wurzeln des Tango. So manchem Konzertbesucher wippten die Zehen. Schade, dass so wenig Platz zum Tanzen war – dachte sich bestimmt der eine oder andere. Die ganz großen Songs haben einen ebenso großen Nachteil: Man kann es nur verbocken. Dass es der Musikverein bei „Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel nicht verbockte, lag einerseits am Arrangement, aber vor allem an der hervorragenden Darbietung. Gänsehautmoment. Einmal mehr.

„Sax, Wind & Funk“ bildete den Abschluss – und wie. Die Saxophone hatten ihren großen Auftritt. „Earth, Wind & Fire“ mit „September“, „Blood, Sweat & Tears“ mit „Spinning Wheel“ und „Birdland“ von „Weather Report“ waren in dem feurigen Medley enthalten. Das Finale rundete einen wunderbaren, emotionalen und schlicht grandiosen Konzertabend ab. Bürgermeister Wolfgang Faißt stand auf und animierte die Zuschauer zu Standing Ovations. Diese hatten sich die Musiker redlich verdient. Auch, als Beginners und Jugendkapelle zum „Grande Finale“ das verschmitzte Liebeslied „Book of Love“ der Band Magnetic Fields dazustießen und somit alle noch einmal ihre „Bühne“ bekamen. Das Arrangements dieses Abschlussongs wurde angelehnt an die von Peter Gabriel veröffentlichte Orchesterversion von 2010. „Eines der schönsten Liebeslieder, das je geschrieben wurde“, kommentierte Dirigent Harald Ruf. Dann passt es ja zu einem der schönsten Jahreskonzerte des Musikvereins, bei dem die Hobbits den Tango am Feuer tanzten und die ehrenwerte Kavalerie das Lied der Stille in die Dunkelheit blies.

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